Die Jahresreise in den Süden war kein Urlaub. Sie war eine Pilgerfahrt, 2400 Kilometer, von der Basaltstraße 8 in Frankfurt bis in das staubige Dorf Lagina, irgendwo im griechischen Evros. Die Vorbereitungen liefen tagelang. Der Mercedes wurde mit fast mathematischer Präzision beladen: Kleidung, Haushaltsgeräte, Geschenke für die ganze Familie, alles, was es in Griechenland in den Siebzigern und Achtzigern nicht gab oder was niemand bezahlen konnte. Das Fahrgestell lag gefährlich tief.
Kurz nach fünf Uhr morgens drehte mein Vater den Schlüssel um. Frankfurt schlief noch. Mein Bruder und ich saßen eingeklemmt auf der Rückbank, Beine auf Koffern, Schultern im Kampf um jeden Zentimeter. Gegen die Sonne hängten wir nasse Tücher vor die Fenster. Unser Reiseproviant? Die Hackbällchen und Gurken, die meine Mutter am Vorabend eingepackt hatte. Der Geruch von Kräutern, warmem Kunstleder und Hitze — das war der Geruch der Reise.
Wir fuhren durch das grüne Deutschland, über die Berge Österreichs, dann durch die endlosen, ausgedörrten Ebenen des damaligen Jugoslawiens. Stundenlang dieselbe Horizontlinie. Mein Vater fuhr durch: Maribor, Ljubljana, Zagreb, Belgrad und Niš, keine Ziele, nur Kontrollpunkte. Erst tief in der Nacht, wenn seine Augenlider zu schwer wurden, stellte er den Mercedes irgendwo an einer Tankstelle am Straßenrand ab. Wir schliefen im Auto, übereinander. Bevor die Sonne aufging, brummte der Motor schon wieder.
Die eigentliche Verwandlung kam an der Grenze bei Evzones. Sobald der Stempel im Pass saß, fiel die Erschöpfung ab wie ein alter Mantel. Und dann war er da. Eine trockene, warme Brise, die durch den Fensterspalt glitt und die Haut streifte. Nicht dramatisch, nicht laut. Einfach da. Der Meltemi, zum ersten Mal in diesem Jahr. Nach 2400 Kilometern durch Nordeuropa fühlte sich dieser Wind an wie eine Bestätigung: du bist da. Die Straßen waren schlecht, die weißen Markierungen von der Hitze abgeschmirgelt. Aber die Oleander blühten rosa und weiß an jedem Straßenrand, eine kilometerlange Ehrenreihe, die uns willkommen hieß.
In Thessaloniki wartete das Hotel Averof: schlicht, billig, sechs Betten im Zimmer, das Bad auf dem Flur. Es spielte keine Rolle. Wir konnten den Motor abstellen. Das fühlte sich an wie ein Palast.
Aber zuerst gab es die Egnatia-Straße im Abendlicht. Und darin, langsam drehend in der warmen Nacht: der Schuh von Karida. Ein riesiger Damenschuh, besetzt mit genau 780 Glühbirnen. Kein Navi, keine Navigation, aber dieser Schuh sagte mir jedes Mal: Wir sind fast da. Wir sind heil.
Am nächsten Tag fuhren wir ins Hinterland. Die Stadt wich trockenen Hügeln, dem Geruch von wildem Thymian und aufgeheiztem Asphalt. Unterwegs stand er immer da und wartete auf uns: der Löwe von Amphipolis. Ein steinerner Löwe von mehr als fünf Metern Höhe, errichtet im vierten Jahrhundert vor Christus, wahrscheinlich als Grabmal für einen Feldherrn aus dem Heer Alexanders des Großen. Er bewacht die Straße seit mehr als zweitausend Jahren. Als Kind wusste ich das alles nicht. Ich wusste nur, dass mich etwas an ihm zog — das Alter, das Gewicht, die Vorstellung, dass er schon da war, lange bevor wir kamen, lange bevor es überhaupt eine Straße gab. Dieses Gefühl erkannte ich erst viel später als den Beginn einer Liebe zur Archäologie. Die Zikaden sangen ohrenbetäubend um uns herum.
Nicht weit dahinter lag das Café Paradisos, unter einer monumentalen Platane, deren Krone so gewaltig war, dass sie den Himmel in ein tiefes grünes Dach verwandelte. An der Mauer stand die Vrissi: ein Wasserhahn, aus dem kaltes, klares Quellwasser strömte. Man trank direkt daraus, Kopf zur Seite geneigt, Hände um den Wasserhahn. Nach der Hitze Jugoslawiens schmeckte dieses Wasser nach dem Ende der Reise. Die alten Männer aus dem Dorf saßen dort wie immer: das leise Rasseln der Komboloi, das trockene Klicken der Backgammon-Steine.
In Lagina wartete die Stille. Ilias – Nachbar und zugleich Cousin meines Vaters – lebte dort von ein paar Kühen und einem Stück Land mit Weizen und Sonnenblumen, zusammen mit seiner Frau Dimitroula und seinen Kindern. Das Leben war karg. Der Tisch wurde trotzdem geteilt. Meine Mutter übernahm in jenen Wochen die Küche meiner Großmutter. Alles geschah draußen im Garten: Waschen, Schneiden, Vorbereiten, Gemüse, das noch warm von der Erde war.
Und die Belohnung. Denn erst bei der Ankunft im Familienhaus, auf der Terrasse, wenn der kühle Schatten uns empfing, kam das Ipovrichio. Ein großer Löffel weiße Vanillepaste in einem Glas eiskaltem Wasser. Man leckte langsam, tauchte den Löffel immer wieder ein. Dieser erste Moment in Lagina schmeckte immer gleich: nach Ankunft.
Abends lief das ganze Dorf auf die Hauptstraße zur Volta. Keine Eile, kein Ziel. Nur dieses langsame, rhythmische Flanieren von einem Ende zum anderen. Die älteren Frauen auf den Türschwellen, Sonnenblumenkerne essend im Halbdunkel. Die Männer vor dem Kafenio mit ihren theatralischen Stimmen. Und wir mittendrin. Kalinychta, rief es vom Bordstein. Die Erschöpfung von 2400 Kilometern europäischer Autobahn verschwand mit jedem warmen Gruß.
Der lange Weg hat sich immer gelohnt.
Kofferraum-Pita mit Feta & Spinat
Zutaten
- 1 Packung Filoteig
- 500 g frischer Spinat gewaschen und sehr gut ausgedrückt
- 300 g fester griechischer Feta zerbröckelt
- 3 Eier
- 1 Bund Frühlingszwiebeln in dünne Ringe geschnitten
- 100 g geschmolzene Butter
- eine große Handvoll frischer Dill fein gehackt
- Pfeffer und eine Prise Salz
Anleitungen
- Den Ofen auf 180°C vorheizen.
- In einer Schüssel den trockenen, fein gehackten Spinat mit dem zerbröckelten Feta, den Eiern, den Frühlingszwiebeln, dem Dill, Pfeffer und einer kleinen Prise Salz vermischen.
- Eine Auflaufform einbuttern.
- Die Hälfte der Filoteigblätter einzeln in die Form legen und jedes Blatt großzügig mit geschmolzener Butter bestreichen. Die Ränder überlappen lassen.
- Die Spinatfüllung hineingeben.
- Die Ränder zurückfalten und mit den restlichen Filoteigblättern bedecken, einzeln mit Butter bestrichen.
- Die oberen Schichten einschneiden und in 40 bis 45 Minuten goldbraun backen.
- Vollständig abkühlen lassen und in Dreiecke schneiden — kalt schmecken sie am besten für unterwegs.
Rezept: Geröstete Mandeln mit Meersalz
Der ideale Snack für unterwegs entlang der trockenen Straßenränder des Balkans.
Portionen: 4 | Zubereitungszeit: 15 Minuten
Zutaten
- 200 g rohe, ungeschälte Mandeln
- 1 EL natives Olivenöl extra
- 1 bis 2 TL grobes Meersalz
Zubereitung
Den Ofen auf 180°C vorheizen. Die Mandeln mit dem Olivenöl vermischen, bis sie gleichmäßig glänzen. Auf einem mit Backpapier ausgelegten Blech verteilen und das grobe Meersalz darüberstreuen. In 10 bis 12 Minuten goldbraun rösten. Zur Hälfte einmal umschütteln. Vollständig abkühlen lassen, damit sie knusprig werden.
Rezept: Ipovrichio (Das U-Boot)
Kein Rezept, sondern ein Ritual — die traditionelle Belohnung bei der Ankunft in Lagina.
Portionen: 4 | Zubereitungszeit: 2 Minuten
Zutaten
- 4 große Esslöffel traditionelles Ipovrichio (Vanille-Mastix-Paste)
- 4 große Gläser eiskaltes Wasser
Zubereitung
Ein großes, hohes Glas mit eiskaltem Wasser füllen. Einen großen Löffel der dicken, weißen Vanillepaste aus dem Vorratsglas der Ipovrichio-Paste nehmen. Den Löffel mit der Paste ins Wasserglas tauchen und wie ein U-Boot auf dem Boden ruhen lassen. Immer wieder ein wenig von der weichen, süßen Paste ablecken und zwischendurch einen Schluck des inzwischen aromatischen, eiskalten Wassers trinken.
Rezept: Schafjoghurt mit Honig & Thymian
Das erste reine griechische Frühstück, direkt nachdem die Grenze bei Evzones passiert war.
Portionen: 2 | Zubereitungszeit: 5 Minuten
Zutaten
- 400 g traditioneller griechischer Schafjoghurt (vorzugsweise mit der Haut)
- 3 EL flüssiger, dunkler griechischer Thymianhonig
- einige Zweige frischer Thymian
Zubereitung
Den Schafjoghurt vorsichtig in tiefe Teller oder Schälchen geben. Den Thymianhonig in einem großzügigen, breiten Strahl zickzackförmig über den Joghurt laufen lassen. Mit einigen losen, frischen Thymianblättchen garnieren. Sofort servieren — das erste Frühstück auf griechischem Boden.
Anthoula Sismani schreibt auf meltemiverhalen.com über die Aromen ihrer Kindheit zwischen Frankfurt und Griechenland und die Kunst, Traditionen mit einem frischen Blick neu zu entdecken.


Kommentar verfassen