Heute saßen Sylvia und ich in der Stadt und tranken Kaffee. Einen echten Freddo Cappuccino, wie in Griechenland.
Sie sagte: „Mama, wollen wir nachher kurz bei Lenies Perückenladen vorbeischauen? Sie hört heute auf. Sie geht in Rente.“
Ich wurde still. Lenie. Meine Perücke.
Fast fünf Jahre ist das her.
Ich hatte beschlossen, nicht zu warten, bis meine Haare von selbst ausfielen. Eine Woche vorher ließ ich mir die langen Haare abschneiden. Vier Tage nach der ersten Chemo fingen sie an auszufallen. Ich konnte es nicht glauben, obwohl ich wusste, dass es passieren würde.
Ich hatte das Restaurant in Zevenbergen. Viele Menschen kannten mich. Ich wollte nicht ständig angestarrt werden. Kein mitleidiger Blick, keine gut gemeinten Fragen, keine Gespräche über meine Krankheit. Mit einer Perücke fiel ich weniger auf. Für mich war sie kein Zeichen von Eitelkeit, sondern eine Möglichkeit, ein Stück Normalität zu bewahren.
Wir machten einen besonderen Tag daraus. Layla und Sylvia neben mir, Miranda und Liesbeth dahinter. Wir aßen die ganze Schachtel Celebrations leer, die wir zum Kaffee bekamen. Wir lachten viel, machten alberne Witze. Es war ironisch. Wir hatten etwas zu feiern, und gleichzeitig auch nicht.
Als die Haarschneidemaschine anging, kamen die Tränen. In Strömen. Ich verlor nicht nur Haare. Ich dachte, ich würde ein Stück von mir selbst verlieren. Dass ich nie wieder so selbstbewusst sein würde. Etwas Verletzliches wurde sichtbar. Etwas, das ich nicht schützen konnte.
Lenie spürte sofort, was zu mir passte. Kein langes Ausprobieren, kein Zögern. Sie zauberte eine Schachtel hervor, und das war es. Halblang, glatt, farblich leicht meliert. Die Perücke sah meinem eigenen Haar so ähnlich, dass sie sich sofort vertraut anfühlte.
Dieses Gefühl habe ich nie vergessen.
Also gingen Sylvia und ich heute zu Lenie. Um mich zu bedanken. Fünf Jahre später.
Es standen Leute im Laden. Lenie nahm sich sofort Zeit für mich. Ich weiß nicht sicher, ob sie sich noch an mich erinnerte, ich half mit einem Foto nach. Aber endlich konnte ich sagen, was ich all die Zeit nicht gesagt hatte. Dass sie mir damals viel mehr mitgegeben hatte als nur eine Perücke. Eine Art Schutzschild. Etwas, das mich weniger verletzlich machte. Ich habe die Perücke danach nur fünf, sechs Mal getragen. Aber zu wissen, dass ich sie hatte, dass ich sie tragen konnte, das allein reichte schon.
Sie freute sich wirklich sehr, dass alles gut ausgegangen war. Sie machte mir ein Kompliment zu meinen Haaren und einen Witz. Dann gingen wir.
Ein Stück weiter auf der Straße konnte ich es nicht mehr zurückhalten. Die Tränen kamen. Ganz kurz war er wieder da, dieser Schmerz, diese Trauer von damals. Sylvia sagte nichts. Sie legte einfach die Arme um mich. Worte waren nicht nötig.
Es dauerte nicht lange. Mir wurde klar: Damals hatte ich geglaubt, einen Teil von mir zu verlieren. Aber heute weiß ich: Ich habe ihn nie verloren. Vielleicht musste ich nur erst wieder lernen, ihn zu sehen
Ich bin dankbar. Für Lenie, die damals genau spürte, was ich brauchte. Und dafür, dass ich ihr heute endlich sagen konnte, wie viel das für mich bedeutet hat.


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