Foto: Xan Photography | Sandra Kläring
Im Herbst 2022 fragte mich Danielle, ob ich mit ihr durch einen Teil Griechenlands reisen wollte. Wir kannten uns vom Schulhof, mehr aber auch nicht. Danielle organisiert Luxusreisen und war in Griechenland, um Hotels und Reiseziele für ihre Kunden zu erkunden. Sie war schon zweimal dort gewesen, aber das Land hatte sie bisher nicht wirklich berührt. Sie wollte Griechenland noch eine Chance geben, diesmal zusammen mit jemandem, der dort selbst Wurzeln hatte.
Die ersten Tage waren wir zu dritt unterwegs. Sandra machte die Fotos. Wir besuchten Athen, schlenderten durch Plaka, trafen meinen Cousin Nico und seinen Partner Thomas und führten Gespräche, die weit über Sehenswürdigkeiten hinausgingen.
Danielle und Sandra kannten sich schon lange, ich kannte beide kaum. Unsicher war ich schon, bevor ich in Athen landete. Nicht weil ich die beiden nicht kannte, sondern weil ich wusste, dass ich in eine bestehende Dynamik hineinkommen würde, und nicht wusste, wie ich da hineinpassen sollte. Freitagabend spät kam ich an. Diese Unsicherheit blieb bis Samstagmittag. Da blieb Danielle mit Kopfschmerzen im Hotel, und Sandra und ich gingen zusammen etwas trinken. Ehrlich gesagt hat sie mich positiv überrascht. Wir hatten sofort einen Draht zueinander. Die Unsicherheit verschwand. Trotzdem kannte ich kaum Details aus ihrem Leben. Erst später wurde mir klar, wie viele Geschichten wir alle mit uns herumtrugen.
Nach ein paar Tagen musste Sandra zurück in die Niederlande. Ungern. Sie wäre lieber geblieben.
Danielle und ich fuhren weiter Richtung Peloponnes. Wir redeten schon seit Stunden.
Es regnete an diesem Tag schon seit dem Morgen. In den Bergen wurde es immer heftiger. Es schüttete wie aus Eimern. Die Scheibenwischer kamen kaum hinterher, und die Berge verschwanden hinter einer grauen Wand aus Wasser. Irgendwann schwiegen wir beide. Danielle fuhr. Ich schaute nach draußen.
Dann kam Hero von Enrique Iglesias aus dem Radio.
Wir sahen uns an, und ohne ein Wort zu sagen, drehte Danielle die Lautstärke hoch.
Noch ein Stück lauter.
Innerhalb weniger Sekunden sangen wir beide aus vollem Hals mit. Nicht schön. Nicht sauber. Einfach laut.
Ich brach zusammen.
Wir sangen. Wir weinten. Beide.
Der Regen schlug gegen die Windschutzscheibe, die Musik füllte das Auto, und alles, was ich schon so lange mit mir herumtrug, kam endlich heraus.
Ich erzählte Danielle Dinge, die ich kaum je laut ausgesprochen hatte. Ich war damals noch dabei, mich von meiner Krebszeit zu erholen. Danielle wusste die ganze Zeit davon. Sie hatte selbst durch Krankheit eine enge Freundin verloren. Doch an diesem Nachmittag ging es nicht um meine Gesundheit.
Es ging um mein Leben.
Um eine Ehe, in der ich mich selbst langsam verloren hatte. Um jahrelanges Weitermachen, weil man das eben so macht. Um das Gefühl, dass irgendwo unterwegs eine Version von mir zurückgeblieben war, die ich nicht mehr finden konnte.
Danielle hörte zu.
Sie unterbrach mich nicht. Sie gab keine Ratschläge und suchte keine Lösungen. Sie ließ mich reden.
Danielle sah ab und zu zu mir rüber. Sonst nichts. Kein Nicken, kein Wort. Nur dieser Blick. Ich fühlte Erleichterung. Vor allem aber etwas anderes: Bestätigung. Dass ich nicht versagt hatte. Dass es nicht nur an mir lag. Sie sagte nichts. Genau dieses Schweigen war die Bestätigung.
Als Hero zu Ende war, fuhren wir schweigend weiter.
Im Nachhinein wird mir klar, dass diese Autofahrt viel mehr verändert hat, als ich damals ahnen konnte.
Nach Sandras Abreise reisten Danielle und ich noch eine Woche gemeinsam durch Griechenland. An dem Sonntag, an dem sie zurückfliegen sollte, entschied sie sich dagegen. Sie schloss sich meinem Plan an, nach Thessaloniki zu fliegen.
Die Reise begann als Geschäftsreise. Danielle wollte Griechenland neu kennenlernen, diesmal mit mir an ihrer Seite, jemandem, der dort tatsächlich zu Hause war. Und ich entdeckte, dass ich meine eigene Geschichte nicht länger ignorieren konnte.
Vor Kurzem, als es Meltemiverhalen bereits gab, schrieb ich Danielle eine Nachricht. Ich schrieb, dass sie mich schon öfter inspiriert hatte, das war kein Geheimnis. Was sie aber nicht wusste: dass sie auch bei diesem Schritt geholfen hatte. Wie, sagte ich nicht. Schau selbst nach, schrieb ich, und schickte ihr den Link.
Danielle teilte die Nachricht auf ihrem eigenen Facebook. Sie schrieb über die Reise, über Griechenland, und lud ihre eigenen Freunde ein, ebenfalls einen Blick darauf zu werfen.
Ich antwortete unter ihrem Beitrag. Wir kannten uns damals kaum, schrieb ich. Und trotzdem wusstest du genau, worum es ging, ohne dass ich ein Wort darüber verloren hatte. Das ist selten.
Noch heute, wenn wir uns sehen, sprechen wir über diesen Nachmittag im Auto. Zwei Frauen, die aus voller Kehle Enrique Iglesias mitsingen, gleichzeitig in Tränen. Im Nachhinein ist es vor allem komisch. Damals war es alles andere als das.
Manchmal fragen mich Leute, wann die Idee zu Meltemiverhalen entstanden ist.
Sie erwarten, dass ich von einer Website erzähle, einer Idee, meinem ersten Blog.
Aber ehrlich gesagt fing es irgendwo an einem regnerischen Nachmittag auf der Peloponnes an.
In einem Auto.
Mit Hero von Enrique Iglesias viel zu laut.
Und einer Freundin, die nichts lösen musste.
Sie hörte einfach zu.
Foto: Sandra Kläring / Xan Photography


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